Als wir uns trafen: 

Eine Weihnachtswundergeschichte


Mila ist eine Romantikerin und sucht den Mann fürs Leben. Immer und überall. Als sie am wenigsten damit rechnet, trifft sie auf Simon. Doch sie ahnt nicht, wie groß dieses Wunder, das mitten im Advent geschieht, tatsächlich ist.

Erster Advent
Das kalte Licht des Waschsalons war ähnlich ungemütlich wie die Plastikstühle im Wartebereich. Mila strich ihren kurzen Wollrock glatt, schlug die Beine übereinander und wippte mit dem Fuß. Gerade so schwungvoll, dass sie nicht ungeduldig oder genervt wirkte, sondern aktiv, während sie mit einem Lächeln auf den Lippen leise summte. Aus den Augenwinkeln beobachtete sie ihr Gegenüber, dessen Aufmerksamkeit sie auf sich ziehen wollte. Der Fremde, sie nannte ihn im Geiste »Sporti« weil er offenbar ein Faible für Sportklamotten hatte, sah gut aus. Athletisch, genau im richtigen Alter und erfreulicherweise ohne Ring am Finger. Er hatte freundlich gewirkt, nur ein wenig irritiert, als sie ihn vor etwa einer halben Stunde begrüßt hatte, weil ihr »Hallo« so aufgekratzt geklungen hatte, als hätte sie auf ihn gewartet. Dann hatte er sich gesetzt, sein Handy aus der Tasche geholt und Mila nicht weiter beachtet. Stirnrunzelnd betrachtete sie ihn, während er lieber Videos schaute, statt sie kennenzulernen, und obwohl ihr Bauch ihr sagte, dass sie ihn einfach ansprechen sollte, hielt ihr Kopf das für keine gute Idee. Wie immer.
Das Klingeln ihres Handys riss sie aus ihren Gedanken. Sie fischte es aus ihrer Tasche und lehnte sich zurück. »Hallo, Hanna«, begrüßte sie ihre Schwester.
»Hey, ich hoffe, ich störe nicht?«
Mila blinzelte in Sportis Richtung, doch er war nach wie vor abgelenkt. »Nein«, seufzte sie. »Ganz und gar nicht.«
»Fein. Hör mal, ich muss langsam wissen, was du dir zu Weihnachten wünschst, manche Dinge haben ja schließlich Lieferfristen. Also, was darf es dieses Jahr sein?«
Mila verzog unmerklich die Lippen. Ihre Schwester bestellte Geschenke grundsätzlich im Internet, eine furchtbar unromantische Angewohnheit, wie Mila fand. »Ich weiß nicht, Hanna. Vielleicht eine schöne Tasse? Oder ein Buch? Ich überlege mir was. Vielleicht fällt mir etwas für mich auf, wenn ich Weihnachtseinkäufe mache. Hat sich an Lottas Wunschliste noch etwas geändert?« Die achtjährige Tochter ihrer Schwester hatte wochenlang darüber nachgedacht, was sie aufschreiben sollte, immer wieder Neues notiert und andere Wünsche gestrichen, Ranglisten erstellt und den Rand des Zettels mit viel Liebe und glitzernden Stickern verziert.
»Nein, sie möchte immer noch unbedingt dieses Spiel, von dem sie dir neulich erzählt hat. Sie hat übrigens demnächst eine Theateraufführung in der Grundschule und hätte gern, dass du auch zuschaust. Es ist ein Weihnachtsstück.«
»Oh, ich komme gern. Was spielt sie?«
»Einen Baum.« Hanna kicherte, bis ein durchdringender Ton schrillte und ihr Lachen jäh unterbrach. »Was ist das für ein Geräusch?«, fragte sie, während Mila eilig aufsprang.
»Die Waschmaschine ist fertig«, erklärte Mila, öffnete das gläserne Bullauge und fügte leise hinzu: »Ich bin in einem Waschsalon.«
»Oh nein, ist deine Maschine kaputt?«
Mila spürte, wie sich ihre Wangen röteten. »Nein, das nicht«
»Aber warum…« Hanna zog scharf die Luft ein. »Warte. Sag nicht, du bist da, um einen Mann kennenzulernen!« Sie rief so laut, dass Mila fürchtete, ihre Worte würden den ganzen Raum erfüllen. Schnell warf sie einen Blick auf Sporti, der sein Handy endlich eingesteckt hatte und in seinem Rucksack kramte.
»Vielleicht«, gab Mila zu.
Ihre Schwester stöhnte. »Oh, Grundgütiger. Dir ist wirklich nicht mehr zu helfen. Im Waschsalon auf die große Liebe warten... das macht doch heutzutage kein Mensch mehr!«
Mila senkte die Stimme. »Das weißt du gar nicht. Es kann durchaus passieren, dass ich hier jemanden treffe.«
»Glaubst du das ernsthaft?«
»Ja. Die meisten Männer, die hierher kommen, sind Single. Und manche sogar sehr attraktiv.«
»Aha. Und mit denen kommst du zwischen 60 Grad Wäsche und Trocknerbrummen ins Gespräch? Sag bloß, du sprichst auch mal jemanden an! Das wäre ja mal etwas Neues.«
Sporti stopfte seine Wäsche in eine Reisetasche und wandte sich zum Gehen. »Das ist gar nicht nötig, die meisten Gespräche ergeben sich von selbst«, behauptete Mila, dachte dabei an die hilflosen Fragen mancher Männer, die mit der Bedienung der Maschinen überfordert waren, und konnte die Enttäuschung in ihrer Stimme nicht verbergen.
Ein Seufzen entfuhr ihrer Schwester. »Ach, Mila. Du weißt, dass ich dir nichts mehr wünsche als eine Beziehung. Ich bin nur leider nicht sicher, ob deine Art der Partnersuche nicht doch etwas zu altmodisch ist. Bis jetzt kenne ich kein einziges Paar, das sich im Waschsalon kennengelernt hat. Oder im Supermarkt. So etwas passiert doch nur im Film! Das wahre Leben findet heutzutage im Internet statt.«
»Das wahre Leben findet im Internet statt? Du merkst selbst, wie seltsam das klingt, oder?«
»Na schön, ja. Aber du weißt, was ich sagen will. Warum willst du nicht doch mal ein Datingportal ausprobieren? Wenn dir dort jemand gefällt, telefoniert ihr ein paar Mal miteinander und dann trefft ihr euch! Es ist ganz leicht!«
»Mag sein. Das ist aber nicht die Art, wie ich jemanden kennenlernen möchte. Ich kann doch allein vom Telefon nicht einschätzen, ob die Chemie wirklich stimmt. Eine nette Stimme reicht da nicht, das weiß man erst, wenn man denjenigen wirklich sieht. Deshalb suche ich lieber einen Mann, bei dem ich von Anfang an weiß, dass er mir gefällt. Verstehst du das nicht?«
»Nein. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass du irgendwann jemanden kennenlernst, der gut für dich ist. Auf welchem Weg auch immer.«
»Danke.« Mila lächelte. »Wer weiß? Vielleicht dauert es bis dahin gar nicht mehr lange. Weihnachten ist schließlich die Zeit der Liebe.«

Zweiter Advent
Mila fröstelte, als sie die Weihnachtseinkäufe in den Kofferraum legte und das Parkhaus in der Kölner Innenstadt verließ. Die Stadt war schrecklich voll mit Menschen, Reisebusse brachten Hundertschaften von Touristen zu den stimmungsvollen Weihnachtsmärkten und die Straßen waren so verstopft, dass es kaum ein Durchkommen gab. Mila hatte es nicht weit bis zu ihrer Wohnung im Kölner Süden, aber nachdem sie eine gute Viertelstunde gebraucht hatte, nur um über drei Ampeln zu kommen, beschloss sie, das Navigationssystem ihres Handys eine Alternativroute suchen zu lassen.
Die freundliche weibliche Stimme empfahl ihr, bei der nächsten Gelegenheit rechts abzubiegen. Einen kurzen Moment zögerte sie, der vorgeschlagene Weg war ihr unbekannt, aber schließlich tat sie wie geheißen und tatsächlich hatte sie bald freie Fahrt. Je weiter sie die Innenstadt hinter sich ließ, desto mehr leerten sich die Straßen. Bald schon war kein anderes Auto mehr zu sehen und als sie allein über eine kurvige Landstraße fuhr, fühlte sie sich zunehmend unwohl.
»Wo zum Teufel bin ich hier? Das kann doch niemals der richtige Weg sein«, murmelte sie halblaut in Richtung des Navigationssystems und versuchte, irgendetwas auszumachen, das ihr bekannt vorkam. Im selben Moment setzte Schneefall ein. Den ganzen Tag schon hatten die Wolken am Himmel gehangen, schwer und bedrohlich, aber die Dicke der fallenden Flocken überraschte Mila dennoch. Sie mochte es nicht, bei dieser Witterung zu fahren und beobachtete mit wachsender Unruhe, wie der Schnee innerhalb von Minuten die Landschaft bedeckte. Sie sah das Weiß des Schnees und das Grau der Dämmerung, sah die Flocken im Licht der Scheinwerfer und die Straße, die vor ihr lag. Aber sie sah nicht die dünne Eisschicht auf dem Asphalt.
Als der Wagen aus der Kurve ausbrach, sich drehte und über die Leitplanke stürzte, schrie sie. Dann wurde ihre Welt dunkel.
Ein. Aus. Ein.
Das Geräusch ihres Atems war das Erste, das durch das Schwarz zu ihr hindurchdrang. Es klang ungewohnt laut, als habe sie den Kopf unter Wasser, aber ihr Geist war zu träge, um diese Vorstellung richtig zu fassen. Alles an ihr fühlte sich erschöpft an, ihre Glieder tonnenschwer. Sie war zu müde, um ihre Lider zu heben, und sank kraftlos zurück in die Dunkelheit.
»Ist da jemand?«
Mila schlug die Augen nur langsam auf. Die Welt um sie herum war Finsternis. Sie blinzelte einige Male, erkannte nur Schemen und verstand nicht, wo sie war, bis ihre Pupillen sich an das Fehlen des Lichts angepasst hatten. Sie lag seltsam verdreht, konnte kaum ausmachen, wo oben oder unten war. Durch das zerbrochene Seitenfenster auf der Beifahrerseite schaute sie in den Nachthimmel über sich. Sie drehte den Kopf ein wenig und entdeckte das Lenkrad vor sich. Es dauerte einen Moment, bis sie begriff, dass das helle Tuch darüber ein geöffneter Airbag war.
Ein Unfall. Ich hatte einen Unfall.
Der Gedanke schien ihr irreal, unbegreiflich, doch sie horchte ängstlich in sich hinein, fragte sich, ob sie verletzt war und wenn ja, wie schlimm. Hier und da drückte es und obwohl sie keine Schmerzen hatte, beruhigte sie diese Erkenntnis nicht. Sie dachte daran, einmal gelesen zu haben, dass Opfer von Haiattacken oft erst am Strand bemerkten, dass ihnen ein Arm oder Bein abgerissen worden war, dass Adrenalin imstande war, Schmerzen vollständig zu unterdrücken. Sie bewegte sich vorsichtig und versuchte, sich in ihrem Sitz aufzurichten, aber ihr Körper hatte zu allen Seiten nur wenige Zentimeter Raum. Sie schaffte es, beide Arme ein kleines Stück zu heben, aber ihr rechter Fuß klemmte fest zwischen den Pedalen. Egal, in welche Richtung sie ihn zu drehen versuchte, der Fuß blieb exakt da, wo er war. Sie war gefangen und gerade, als die Panik von ihr Besitz zu nehmen drohte, hörte sie eine Stimme rufen.
»Hallo? Ist da jemand?«
Sie klang, als sei der Mann, zu dem sie gehörte, noch ein ganzes Stück entfernt und doch gab Mila allein das Wissen, dass da draußen jemand war, Hoffnung.
»Ja! Ich bin hier«, rief sie, so laut sie nur konnte zurück, und lauschte dann angestrengt auf eine Antwort.
»Wo? Wo sind Sie?«
»Hier. Im Auto! Ich bin eingeklemmt. Bitte helfen Sie mir!«
Es schien ewig zu dauern, bis sie ihn wieder hörte. »Ich sehe Sie nicht, es ist so dunkel.« Es klang leiser als vorher und sie ahnte, dass er sich von ihr entfernte.
»Sie gehen in die falsche Richtung. Bitte, lassen Sie mich nicht allein hier«, flehte sie und versuchte noch einmal vergeblich, ihren Fuß zu bewegen.
»Nein, keine Sorge. Ich lasse Sie nicht allein.«
»Ich bin hier«, wiederholte sie und hoffte, dass ihre Stimme ihm den richtigen Weg wies. Sekunden vergingen, dann endlich vernahm sie ein weiteres Geräusch, das von Schnee, der unter Schuhen knarzte. Er näherte sich ihr, bis seine Schritte schließlich stoppten. Sie reckte den Kopf ein wenig, um ihn sehen zu können, aber die Windschutzscheibe war in Millionen Teile gebrochen, die ein bizarres Muster bildeten, das schwache Mondlicht zerlegten und nur darauf zu warten schienen, endgültig zu zerbersten. »Sie haben mich gefunden, oder?«
»Ja. Ich stehe jetzt vor dem Auto. Heilige Scheiße. Sind Sie verletzt?«
»Ich weiß nicht. Ich habe keine Schmerzen, aber mein Fuß steckt zwischen den Pedalen. Ich fürchte, ich kann ihn nicht herausbekommen, ohne mir etwas zu brechen.«
»Okay. Sind Sie allein oder ist da noch jemand im Wagen?«
»Nein, ich bin allein. Bitte helfen Sie mir. Ich muss hier raus.«
»Natürlich. Warten Sie, ich schaue mir das Auto mal genauer an. Sie sind auf der Fahrerseite?«
»Ja.«
Sie hörte, wie er um den Wagen herumging und erkannte in den Bruchstücken der Windschutzscheibe die Mosaikteile eines Menschen, aufgesplittert in Farben, die ein unscharfes Bild ergaben. »Das Auto hat sich wahrscheinlich überschlagen. Es liegt auf der Seite«, erklärte er. »Mit der Fahrerseite unten. Es ist ein ziemliches Wrack, um ehrlich zu sein. Ein Wunder, dass Sie das überlebt haben.«
Mila schluckte. »Das Seitenfenster ist kaputt. Wenn Sie hineinschauen, sehen Sie mich«, sagte sie und hielt ihren Blick angespannt dorthin. Seine Füße stapften in diese Richtung, aber sie entdeckte ihn nicht.
»Es ist zu hoch«, stellte er fest. »Ein ziemlich breites Auto haben Sie da. Oder vielmehr: hatten. Jedenfalls breiter als ein Meter achtzig, sonst könnte ich hineinschauen.«
Es enttäuschte sie, das Gesicht zu dieser Stimme nicht sehen zu können, aber ihr kam sofort ein neuer Gedanke. »Könnten Sie den Wagen zurück auf die Reifen kippen? Damit er wieder normal steht?«
»Puh, ich weiß nicht. Ich kann es versuchen, aber ich fürchte, dass Sie dabei verletzt werden. Wenn die Bewegung ihren Fuß bricht, haben wir ein noch größeres Problem.« Er hielt kurz inne. »Verflucht, ich habe kein Handy bei mir. Sie?«
»Ja!« Ihr Blick wanderte suchend über das Armaturenbrett, hin und her, soweit es ihr möglich war. »Oh nein, ich fürchte, es ist aus der Halterung gefallen. Ich sehe es nicht.« Verzweifelt versuchte sie, es irgendwo zu entdecken, ihre Finger tasteten danach, aber die Ahnung wurde rasch zu einer Erkenntnis. Tränen stiegen in ihr auf und die scheinbare Ausweglosigkeit schnürte ihren Hals zu.
Das gibt es doch nicht. Warum kann der einzige Mensch, der hier bei mir ist, mir nicht helfen?
»Wieso haben Sie kein Handy dabei, verdammt!«, rief sie und ihre Enttäuschung und Wut lösten sich in einem leisen Schluchzen.
»Es tut mir leid«, sagte er. »Das passiert mir sonst nie.«
Sie hörte ihm kaum zu. »Was machen Sie überhaupt mitten in der Nacht hier? Allein?«, rief sie. »Hier ist doch weit und breit nichts!«
»Ich weiß nicht genau. Ich könnte schauen, ob ich in der Nähe Hilfe holen kann«, schlug er vor, aber die Vorstellung, allein zurückzubleiben, entfachte die Panik in Mila.
»Nein! Nein, bitte bleiben Sie bei mir! Es kommt bestimmt irgendwann ein Auto vorbei, das Sie dann anhalten können. Bitte, lassen Sie mich nicht allein hier.« Sie schluchzte erneut auf.
»Beruhigen Sie sich. Ich bleibe hier bei Ihnen, bis Hilfe da ist. Wenn es sein muss, die ganze Nacht. Hier liegt ein Baum neben dem Auto. Vermutlich ist der bei Ihrem Unfall abgebrochen. Ich setze mich auf den Stamm, quasi direkt neben Ihnen.« Mila hörte, wie er mit den Fingerspitzen auf das Autodach klopfte. Es tat gut zu wissen, wie nah er ihr war.
»Danke«, sagte sie leise. Langsam beruhigte sie sich, die Tränen auf ihren Wangen trockneten und sie klammerte sich an den Gedanken, dass diese Situation bald vorbei sein würde. Sie würde nur noch ein paar Stunden durchhalten müssen.
»Ich bin übrigens Simon«, sagte er nach einer Weile. »Und wie heißen Sie?«
»Mein Name ist Mila, mit einem L in der Mitte.«
»Aha. L in der Mitte also.« Seine Stimme verriet, dass er lächelte.
»Ja. Viele schreiben ein N statt dem L oder gleich zwei Ls. Das ärgert mich immer«, sagte sie und fragte sich im selben Moment, warum sie ihm das so genau erklärte. Als hätte sie gerade keine anderen Sorgen.
»Nun, sollte ich Ihren Namen mal schreiben, werde ich darauf achten.«
»Das ist nett von Ihnen. Sagen Sie, können wir uns nicht duzen? Sie klingen, als seien Sie kein greiser Mann, den ich schon aus Altersrespekt siezen müsste.«
Er lachte. »Das liegt im Auge des Betrachters. Ich bin zweiundvierzig, meine Tochter findet mich ziemlich alt. Und selbst?«
»Ich bin fünfunddreißig.« Mila versuchte, sich aus den Mosaiksteinchen, die sie hatte, ein Bild von ihm zu machen. Sie wollte mehr erfahren über diesen einzigen Menschen, der diese entsetzliche Erfahrung mit ihr gemeinsam machte. »Du hast also eine Tochter?«
»Ja, Jasmin. Sie ist neun.«
»Ein schönes Alter. Die Tochter meiner Schwester ist acht.«
»Hast du auch Kinder?«
»Nein.«
»Warum nicht?«, fragte er und als hätte er schon beim Sprechen gemerkt, dass Mila diese Frage unangenehm war, schob er schnell hinterher: »Ich weiß, das geht mich nichts an. Ich möchte einfach nur Konversation betreiben. Es könnte sein, dass wir hier eine Weile zusammen sitzen.«
»Ja.« Mila verzog in der Dunkelheit das Gesicht, nickte dann aber. »Also, ich habe keine Kinder, weil es bis jetzt einfach nicht gepasst hat. Ich hätte gern welche, aber ich suche noch den richtigen Mann.«
»Verstehe. Dann wünsche ich dir viel Glück dabei.«
»Danke.«
»Woran scheitert es denn bis jetzt?«
Herrgott, ist der neugierig. «
Mila hatte keine Lust, die Gründe für ihr Singledasein mit einem völlig Fremden zu besprechen, aber sie wollte auch nicht abweisend auf ihn wirken. Sie seufzte, bevor sie antwortete. »Meine Schwester meint, ich sei zu romantisch.«
»Was heißt das?«
»Nun, ich mag es zum Beispiel nicht, Männer anzusprechen. Mir ist es lieber, angesprochen zu werden.«
»Herrje. Was hindert dich denn?«
»Ich mag es einfach nicht. Reicht das nicht als Erklärung?«
»Doch, ich finde es nur schade, wenn man seinem Glück selbst so im Weg steht. Du hast doch nichts zu verlieren, wenn du den ersten Schritt machst.«
»Ich finde es einfach unromantisch. Können wir jetzt bitte das Thema wechseln? Wie lange bist du schon verheiratet?«
»Ich war es sieben Jahre lang, aber seit drei Jahren bin ich geschieden.«
»Oh. Das tut mir leid.«
»Ach, dazu gibt es keinen Grund. Meine Ex-Frau und ich kommen getrennt besser miteinander klar, als das vorher der Fall war. Manche Dinge sollen eben nicht sein.«
»Das klingt so leicht. Aber eine Scheidung ist doch immer schwierig, insbesondere, wenn man ein Kind hat.«
Simon antwortete nicht sofort und Mila überlegte, ob sie einen wunden Punkt bei ihm getroffen hatte. Er atmete tief ein und aus. »Ja, das ist auch nicht immer einfach. Ich sehe Jasmin nicht so oft, wie ich es gern hätte.«
»Ich weiß, das geht mich jetzt nichts an, aber um Konversation zu betreiben … warum ist das so? Warum siehst du sie seltener, als du möchtest?«
»Nun ja, ich habe einfach wenig Zeit. Ich arbeite bei einer Unternehmensberatung und schaffe es nicht, sie regelmäßig zu mir zu holen.«
»Aha.« Sie sagte es abschätzig.
»Aha? Was, hälst du das für eine Ausrede?«
»Um ehrlich zu sein, ja. Ich finde, für das eigene Kind muss immer Zeit sein.«
»Sagt ausgerechnet jemand, der keine Kinder hat.«
»Stimmt. Aber dieser jemand war selbst auch mal Kind und hatte einen Vater, der sich nach der Scheidung kaum mehr hat blicken lassen.«
»Autsch.«
»Ja.« Bei der Erinnerung daran rutschte Mila tiefer in ihrem Sitz, so weit es ihr möglich war. »Mein Vater hatte ebenfalls einen Beruf, der ihm wenig Freizeit ließ. Als Erwachsene weiß ich das. Aber als Kind habe ich nur gesehen, dass er nie da war, weder bei Geburtstagen, noch bei irgendwelchen Schulaufführungen oder bei all den anderen Gelegenheiten, wenn Väter normalerweise präsent sind. Weder bei mir, noch bei meiner Schwester. Das hat einfach wehgetan.«
»Habt ihr noch Kontakt?«
»Selten. Er ist mir fremd geworden und ich ihm wohl auch.«
Er sagte nichts dazu und sie spürte, dass er über ihre Worte nachdachte. »Ich versuche wirklich, ein Teil ihres Lebens zu sein. Natürlich feiere ich ihre Geburtstage mit ihr. Und Weihnachten auch«, sagte er. »Ihre letzten Ballettauftritte habe ich tatsächlich verpasst, aber ich glaube, sie versteht, dass ich mir die Zeit nicht einfach so einteilen kann, wie ich es gern hätte. Ich habe in meinem Job viel Verantwortung und stehe ständig unter Zeitdruck«, erklärte er.
»Sicher.«
»Was soll ich denn machen? Welcher Vater kann schon an einem Mittwochnachmittag die Arbeit unterbrechen und sich in der Ballettschule eine Vorführung ansehen? «
»Keine Ahnung. Die Väter meiner Freundinnen waren jedenfalls öfter im Publikum. Nicht jedesmal, aber wenigstens manchmal. Nur meiner nicht. Der hatte auch immer Zeitdruck.« Sie schnaubte. »Aber ehrlich, wo ein Wille ist, da ist ein Weg.«
Er verfiel erneut in ein gedankenvolles Schweigen und das Fehlen seiner warmen und weichen Stimme fühlte sich für Mila zunehmend falsch und unangenehm an. »Aber wer weiß? Vielleicht versteht deine Tochter das ja tatsächlich besser als ich«, merkte sie an.
»Das hoffe ich wirklich. Ich liebe Jasmin sehr. Ich möchte nicht, dass sie irgendwann so über mich spricht, wie du über deinen Vater. Ich möchte kein Fremder für sie sein.« Er sagte es aufrichtig und klang dabei so traurig, dass Mila augenblicklich ein schlechtes Gewissen bekam.
»Ich wollte nichts Falsches sagen«, erklärte sie. »Es steht mir nicht zu, etwas über die Beziehung zwischen dir und deiner Tochter zu sagen. Ich kenne dich überhaupt nicht. Es tut mir leid.«
»Du hast nichts Falsches gesagt. Du hast mich nur nachdenklich gemacht.« Ein Moment verging, in dem Mila angestrengt überlegte, was sie darauf antworten sollte. Sie wollte nicht, dass er sich ihretwegen schlecht fühlte. Schließlich räusperte er sich. »Themenwechsel?«
»Gerne«, gab sie zu.
»Dann erzähl mir von dir. Was machst du beruflich?«, fragte er.
»Ich arbeite bei einem Reiseveranstalter.«
»Also reist du gern?«
»So oft wie möglich. Ich habe mir fest vorgenommen, jeden Kontinent zu besuchen.«
Er schmunzelte. »Das ist ein schönes Lebensziel. Welche fehlen dir denn noch?«
»Afrika, Nord- und Süd-Amerika.«
»In Australien warst du also schon?«
»Oh, ja. Ich liebe dieses Land!«
»Wirklich? Ich auch! Wo warst du genau?«
Mila vermochte nicht einzuschätzen, wie viel Zeit verging, während sie sich über diejenigen Orte unterhielten, die sie am anderen Ende der Welt besucht hatten. Sie stellten fest, dass sie beide im selben Jahr dort gewesen waren, lediglich vier Wochen hatten zwischen ihren jeweiligen Urlauben gelegen und sie hatten ähnliche Routen abgefahren. Mila erzählte lachend von ihren misslungenen Surfversuchen, Simon beschrieb seine erste Begegnung mit einem wilden Känguru und gemeinsam erinnerten sie sich an Sydney, das sie beide besucht hatten.
»An meinem vorletzten Tag war ich in der Oper«, schwärmte er. »Das war so beeindruckend. Allein die Architektur! Die meisten Menschen kennen das Gebäude ja nur von außen, aber auch innen ist sie umwerfend. Warst du mal drin?«
»Nein. Meine Reisebegleiterin hatte keine Lust auf Kultur, sie war eher eine Partymaus, du weißt schon, mit Surferboys am Bondi Beach Bier trinken.« Mila verdrehte die Augen, wenn sie an die Diskussionen dachte, die sie mit ihrer Freundin damals geführt hatte.
Simon lachte leise. »Und du nicht?«
»Nein. Jedenfalls nicht tagelang am Stück. Ich mag es da abwechslungsreicher. Mal Party, mal Kultur, mal Strand.«
»Je nach Laune und Gelegenheit.«
»Genau so.«
»Ich weiß, was du meinst... Wie geht es deinem Fuß?«, fragte er plötzlich.
»Alles okay.«
»Keine Schmerzen?«
»Es drückt nur.«
»Du solltest zwischendurch die Zehen bewegen, damit der Fuß nicht einschläft.«
»Das mache ich.« Auf eine seltsame Art rührte sie seine Sorge um sie.
»Kann ich sonst etwas für dich tun?«
»Nein. Du bist hier, das ist mehr als genug.«
Er klopfte leise mit den Fingern auf das Autodach und sie hätte gern ihre Hand ausgestreckt, um auf dem gleichen Weg zu antworten, aber die Enge ließ ihr keine Möglichkeit. Sie wusste nicht, wie lange sie nun schon in diesem Wrack lag, ob es zwei oder vier oder sechs Stunden waren. Aber sie hatte das Gefühl, mit jeder Minute weniger Raum zu haben. »Es ist so schrecklich eng hier drin.«
»Mach die Augen zu, Mila.«
»Warum?«
»Mach die Augen zu und hör einfach auf meine Stimme.«
Mila runzelte leicht die Stirn, schloss dann aber doch die Augen und lauschte in die Stille der Nacht hinein. Sie hörte, wie Simon Luft holte.
»Hier habe ich eine Decke für dich«, sagte er und seine Stimme klang noch sanfter als bisher. »Sie ist aus Kaschmir, spürst du, wie der Stoff auf deiner Haut liegt? Ganz weich. Es ist fast wie eine Umarmung. Du kannst die Decke bis zum Kinn ziehen und dich richtig darin einmummeln, ganz gemütlich«
Lächelnd stellte Mila sich vor, was er beschrieb.
»Und Moment… hier habe ich einen Teller mit Schokoladenkuchen für dich. Er kommt frisch aus dem Ofen und duftet herrlich! Warm und süß. Der Puderzucker klebt ein wenig an deinen Fingern, aber der Geschmack des Kuchens ist phänomenal. So saftig! Und schmeckst du die Schokostückchen?«
Mila stellte sich das Kuchenstück so plastisch vor, dass sie es fast zu sehen und zu schmecken glaubte. »Ja«, flüsterte sie.
»Und hier habe ich noch eine Tasse Tee. Welchen hättest du gerne?«
»Himbeertee wäre toll.«
»Verrückt, genau den habe ich hier. Pass auf, er ist noch heiß. Aber das Aroma ist herrlich, nicht wahr? So…«
»…himbeerig«, vollendete Mila seinen Satz.
»Du sagst es. Er duftet wunderbar. Und mit jedem Schluck, den du vorsichtig trinkst, fühlst du dich wohler. Du fühlst, wie der Tee dich von innen wärmt.«
Für einen langen, gnadenvollen Moment glaubte Mila, tatsächlich mit einer Tasse Tee auf ihrer Couch zu sitzen, gemütlich und sicher. Sie versuchte, dieses Gefühl so lange wie möglich auszukosten, und merkte, wie die Entspannung ihren ganzen Körper löste. Sie hielt die Augen weiter geschlossen und sank beinahe in einen Schlaf.
»Alles wird gut, Mila«, flüsterte er und sie nickte nur. Plötzlich hörte sie, wie er aufsprang.
»Da sind Lichter! Ein Auto, Mila, da kommt ein Auto!«
Sie war schlagartig hellwach. »Was? Wo ist es?«
»An der Straße. Verdammt, es ist weit weg, aber ich halte es an!«
Seine schnellen Schritte knirschten im Schnee, er rannte und rief dabei laut um Hilfe und sie stellte sich vor, dass er mit den Armen winkte. Aufgeregt rutschte sie auf ihrem Platz, beobachtete das Splittermosaik der Windschutzscheibe und versuchte, etwas von den Geschehnissen draußen mitzubekommen, doch mehr als sein Rufen drang nicht zu ihr hervor. Er klang jetzt weit weg. Dann verstummte er plötzlich und sie wusste, was passiert war, bevor er wieder bei ihr war.
»Es ist weg. Tut mir leid«, sagte er, als er schließlich zum Auto zurückkehrte.
»Schon gut.«
»Nein, ist es nicht. Ich hätte schneller rennen müssen.«
»Simon, es ist okay, wirklich. Es wird bald Morgen sein und dann wird Hilfe kommen, ganz sicher«, tröstete sie ihn. »Simon?«
»Ja?«
»Danke, dass du da bist. Ich glaube, ohne dich hätte ich diese Nacht nicht überstanden.«
»Sag das nicht.«
»Es ist aber so.«
»Dann bin ich froh, hier zu sein.« Er setzte sich wieder neben das Auto. »Das ist eine ziemlich verrückte Art, jemanden kennenzulernen, oder?«
Sie lachte. »Allerdings.«
»Hättest du Lust, mal mit mir essen zu gehen, wenn das hier überstanden ist?«
Überrascht bemerkte Mila, dass ihr Herz einen freudigen Hüpfer machte. »Gerne«, sagte sie lächelnd.
»Perfekt.«
Sie hörte, dass er ein Gähnen unterdrückte und konnte nicht anders, als ebenso zu gähnen.
»Bist du auch so müde?«, fragte er.
»Ja«, murmelte sie, noch während ihr die Augen zufielen. Dann schlief sie ein.

Dritter Advent
»Mila? Mila, hörst du mich?« Die Stimme zitterte.
Sie blinzelte träge, bis ihr Blick langsam klar wurde und sie das Gesicht ihrer Schwester erkannte.
»Hallo, Hanna.« Sie versuchte ein Lächeln, doch Hanna brach in Tränen aus. »Oh Gott, ich bin so froh.« Sie beugte sich vor und umarmte sie, und Mila legte ihr tröstend eine Hand auf den Rücken, während sie über Hannas Schulter schaute. Sie erkannte, dass sie in einem Krankenhaus lag, in einem Bett. Am Fenster glitzerten Eisblumen. Es dauerte einen Moment, bis der Nebel in ihrem Kopf auklarte. »Was ist passiert?«, fragte sie.
Schniefend löste Hanna sich von ihr, während sie gleichzeitig die Ruftaste drückte. »Du hattest einen Unfall«, stammelte sie. »Wir hatten solche Angst um dich….« Wieder liefen Tränen über ihre Wangen und in Mila kehrte schlagartig die Erinnerung zurück, an die seltsame Fahrt im Schnee, an die Enge im Wagen und an Simon.
»Wir dachten, du stirbst.«
Mila schüttelte leicht den Kopf. »Was redest du denn da?«
Mit aufeinandergepressten Lippen drückte Hanna Milas Hand. »Die Ärzte haben wirklich ein Wunder vollbracht.«
»Na, übertreib mal nicht, so schlimm war es nicht.«
Hanna blinzelte. »Doch. Aber das erzähle ich dir ein andermal.«
»Wie du meinst«, sagte sie. »Wo ist Simon?«
»Welcher Simon?«
»Er war bei mir, nach dem Unfall. Er hat die ganze Nacht mit mir geredet.«
Hanna betrachtete Mila und krauste die Stirn. »Wovon redest du? Da war niemand außer dir.«
»Doch, natürlich. Er war als Erster am Auto. Er war toll, er hat mich beruhigt und versucht, Hilfe zu holen. Er war die ganze Zeit bei mir.«
Hanna schüttelte den Kopf. »Nein, Mila. Da war niemand am Auto, du warst allein.«
»Aber Simon war da«, beharrte Mila.
»Der Wagen wurde von einer älteren Dame entdeckt, die sofort den Notruf gewählt hat. Die Feuerwehr hat dich aus dem Auto geschnitten und mit einem Hubschrauber hierher gebracht. Du warst bewusstlos und wenn du nicht so schnell operiert worden wärst…«
Mila starrte sie an. Sie hörte die Worte aus dem Mund ihrer Schwester, aber sie verstand ihren Sinn nicht. Sie war beim Unfall nicht verletzt worden, jedenfalls nicht so schwer. Und sie war nicht mit einem Helikopter geflogen und ganz sicher nicht operiert worden! Oder? Ihr Blick fiel auf die Schläuche, die unter ihre Bettdecke führten und als sie sie zurückschlug, erschrak Mila. Sie erkannte ihren eigenen Körper kaum, er war übersät mit blauen Flecken und auf ihrem Bauch prangte ein dicker weißer Verband. Sprachlos konnte Mila den Blick nicht abwenden, bis Hanna ihr sanft eine Hand auf die Schulter legte und die Decke wieder über sie legte. »Reg dich nicht auf, Mila. Es wird alles wieder gut. Du hast echt Glück gehabt.«
»Aber das kann doch nicht sein. Ich weiß genau, dass ich die ganze Nacht im Auto war. Ich hatte keine Schmerzen! Nur mein Fuß war zwischen den Pedalen eingeklemmt.«
»Ja, der Knöchel war auch verletzt, aber nicht schlimm, sagen die Ärzte.«
Mila schaute zu ihrem Fuß, der in einen Verband gewickelt war. Sie wackelte mit ihren Zehen. »Es lag auf der Seite, nicht wahr? Das Auto, es lag auf der Seite.«
Hanna nickte. »Ja, es hat sich überschlagen und ist im Graben gelandet. In der Zeitung war ein Bild davon.«
Noch bevor Mila etwas sagen konnte, ging die Tür auf und ein Arzt betrat den Raum. Er stellte sich kurz vor und notierte zufrieden in einer Akte, dass Mila bei Bewusstsein war. Mila ließ die dann folgende Untersuchung über sich ergehen und beantwortete seine Fragen, so gut es ging, doch ihre Gedanken kreisten ununterbrochen um den Unfall und um Simon.
»Wissen Sie, ob jemand bei mir am Auto war? Ein Mann, er heißt Simon. Haben Sie von ihm gehört?«, fragte sie den Arzt schließlich und er zog erstaunt die Augenbrauen nach oben.
»Nein, Sie waren allein, soweit ich weiß.« Er griff nach der Akte und blätterte darin, schüttelte dann den Kopf und erklärte ruhig. »Hier steht, dass Sie ohne Begleitung waren. Die Ersthelferin war meines Wissens nach eine Frau.«
»Das habe ich dir doch schon gesagt«, warf Hanna ein, doch Mila ging nicht darauf ein. »Aber ich weiß doch, was ich gesehen habe!«
Der Arzt nickte. »Nun, Sie waren lange nicht richtig bei uns. In den letzten Tagen haben wir ganz schön um Sie gekämpft. Es kommt öfter vor, dass Patienten nach solchen bewusstlosen Phasen von intensiven Träumen berichten.«
»Das war aber kein Traum!«, protestierte Mila. »Bestimmt nicht.« Sie entsann sich genau an Simon und die Zeit mit ihm. Nicht in unscharfen Bildern, wie Träume sie im Kopf hinterließen. Sondern real. Sie erinnerte sich genau an seine Stimme, die sie wie ein Leuchtfeuer durch die Nacht geführt hatte.
Der Arzt bedachte sie mit einem Blick, der seine Gedanken verriet. »Das Wichtigste ist jetzt, dass Sie Ruhe haben. Schonen Sie sich, dann können Sie Weihnachten schon wieder zuhause feiern.« Er lächelte, aber Mila presste die Lippen aufeinander.
Er glaubt mir nicht.
Als sie wieder mit Hanna allein war, versuchte sie es noch einmal. »Bitte, Hanna, du musst mir helfen, Simon zu finden. Vielleicht hat er gerade versucht, Hilfe zu holen, als diese alte Dame den Wagen entdeckt hat. Ich erinnere mich genau an ihn, er war in dieser Nacht stundenlang bei mir. Das war kein Traum.«
Ihre Schwester musterte sie mit fragendem Blick, dann griff sie nach der Krankenakte und zeigte Mila den Eintrag. »Du warst nicht stundenlang da draußen. Und erst recht nicht die ganze Nacht. Hier steht es: Einlieferung sechzehn Uhr achtundfünfzig. Davor warst du in der Stadt, um Weihnachtseinkäufe zu machen. Wir haben keine zwei Stunden vorher noch miteinander telefoniert, du hast mich angerufen, weißt du noch?«
Mila erinnerte sich daran und nickte langsam. Sie las die Ziffern und verzog das Gesicht. »Aber Simon war da. Ich muss ihn unbedingt wiederfinden.«
»Warum ist dir das so wichtig?«
Mila sah ihre Schwester eindringlich an. »Weil ich diese Nacht ohne ihn nicht überstanden hätte.«
Hanna schluckte und drückte ihre Hand. »Das hast du aber. Ob es diesen Simon nun wirklich gab oder nicht.« Sie stand auf, holte eine Packung Taschentücher aus ihrer Tasche und tupfte sich die Augen. »Du hast starke Schmerzmittel bekommen, Mila, vielleicht haben sie dich irgendwie träumen lassen. Wenn du tatsächlich eine ganze Nacht in diesem Wrack gelegen hättest, wärst du vermutlich erfroren. Es war eiskalt dort draußen.«
Verunsichert biss sich Mila auf ihre Lippen.
Stimmt. Ich kann mich nicht daran erinnern, gefroren zu haben. Obwohl sogar das Fenster kaputt war. Und Schmerzen hatte ich tatsächlich auch nicht. Trotzdem…
Sie rieb sich über die Stirn. »Er ist dreiundvierzig und geschieden. Und er hat eine neunjährige Tochter, die Jasmin heißt. Und er war schon mal in Australien«, erklärte sie und versuchte, die Mosaiksteinchen einzusammeln und zusammenzusetzen.
Hanna seufzte. »Aha. Wie heißt er denn mit Nachnamen?«
»Keine Ahnung.«
»Und wie sieht er aus?«
Sie zuckte hilflos mit den Schultern. »Aber ich habe seine Stimme jetzt noch im Ohr.«
Ich weiß, dass es ihn gab. Und ich weiß, dass mich noch nie ein Mann so tief berührt hat wie er. Und das, obwohl ich ihn nicht einmal gesehen habe.

Vierter Advent
»Ich finde es so schön, dass du mitkommst!«, flüsterte Lotta und kuschelte sich an sie. Sie saßen auf der Rückbank eines Autos. Lottas Vater Steffen lenkte den Wagen durch die nassglänzenden Straßen, Hanna saß auf dem Beifahrersitz.
Mila schluckte den dumpfen Schmerz, den die Berührung in ihr auslöste, herunter und küsste ihre Nichte auf den Kopf. »Natürlich. Dich als Weihnachtsbaum auf der Bühne zu sehen würde ich um nichts auf der Welt verpassen wollen.«
Hanna drehte sich zu ihnen um, und auch ohne, dass sie etwas sagte, wusste Mila, was ihre Schwester ihr sagen wollte.
»Mir geht es gut, wirklich«, erklärte Mila und lächelte, dann schaute sie aus dem Fenster. Sie wusste, dass Hanna ihr nicht glaubte, dass bei ihr alles in Ordnung war. Obwohl die Ärzte sie am Vortag als geheilt entlassen hatten, mit der dringenden Empfehlung, sich Ruhe zu gönnen, zweifelte ihre Schwester an ihrem Zustand. Immer wieder hatten sie in den letzten Tagen über Simon gesprochen, aber so sehr Mila sie auch davon zu überzeugen versuchte, dass er tatsächlich bei ihr gewesen war, so wenig glaubte Hanna ihr. Schlimmer noch, mit jedem Mal, wenn Mila ihn erwähnt hatte, war Hannas Blick skeptischer geworden, und sorgenvoller. Schließlich hatte Mila es aufgegeben und stattdessen versucht, im Internet nach Simon zu suchen. Aber egal, welche Kombination von Suchworten sie eingab, sie fand ihn nicht. Wie auch, sie wusste ja nicht einmal, wie er aussah. Und je mehr Tage vergingen, desto unsicherer wurde sie. Hatte sie vielleicht doch nur geträumt?
Die Fahrt zu Lottas Grundschule dauerte nicht lange und sie hatten das Glück, einen Parkplatz in der Nähe des Eingangs zu finden. Milas Fuß schmerzte noch immer und sie war erleichtert, eine Krücke zur Entlastung dabei zu haben. Während Lotta aufgedreht vorlief und von ihren Freundinnen begrüßt wurde, hakte Hanna sich bei ihr unter. »Du weißt, wie froh ich bin, dich hier bei mir zu haben. Trotzdem hätte ich es besser gefunden, wenn du dich zuhause erholt hättest.«
»Hör auf, dir Sorgen zu machen. Es ist doch nur eine kleine Weihnachtsfeier und Lotta ist so stolz. Ich wollte sie nicht enttäuschen.«
»Sie weiß nicht, was du in den letzten Tagen durchgemacht hast. Versprich mir, dass du mir Bescheid sagst, wenn es dir zu viel wird.«
»Versprochen. Aber das wird nicht passieren. Ich bin einfach froh, hier zu sein.«
Sie saßen in der Mitte der Stuhlreihen, die in der Aula der Schule aufgebaut waren und hatten einen guten Blick auf die kleine Bühne vor sich. Gerührt beobachteten sie das Theaterstück, dass die Kinder für sie spielten und klatschten wie alle anderen Zuschauer nach jeder Szene begeistert mit. Lotta brachte ihren Text, drei ganze Sätze, mit hochrotem Kopf hervor und als wenig später der Schlussapplaus aufbrandete, strahlte sie bei jeder Verbeugung in ihre Richtung. Mila spürte, wie ihr erschöpfter Körper sich nach der knapp einstündigen Vorstellung danach sehnte, sich ausstrecken und ausruhen zu können, aber sie versuchte, sich davon nichts anmerken zu lassen. Zu glücklich lachte Lotta, als sie von der Bühne zu ihnen heruntersprang, plappernd ihre Eindrücke der Vorstellung erzählte und schließlich verkündete, dass es als Überraschung noch warmen Kakao und Kekse für alle gab. »Die haben wir gestern im Unterricht gebacken. Extra für das Publikum«, erzählte sie.
Hanna warf Mila einen prüfenden Blick zu und ihre Mimik verriet, dass sie Milas Schmerzen erkannte. »Ich würde jetzt lieber nach Hause fahren«, erklärte sie ihrer Tochter. »Tante Mila muss sich vom Unfall erholen, verstehst du?«
Enttäuscht verzog Lotta das Gesicht. »Jetzt schon? Aber die Kekse sind total lecker. Und die anderen Zuschauer bleiben doch auch noch.«
Mila schluckte. Es tat ihr weh, zu sehen, wie niedergeschlagen das Mädchen reagierte. Lotta hatte keine Ahnung, wie schwer die Verletzungen gewesen waren, sie hatten ihr diese Information bewusst vorenthalten, um ihr keine Angst zu machen. »Lotta, Süße, sei nicht böse auf mich, ja? Es ist ein bisschen zu anstrengend für mich, noch länger hier zu sein.« Sie schaute zu Hanna und ihrem Mann. »Bitte bleibt doch noch. Ich nehme mir einfach ein Taxi.«
Trotzig verschränkte Lotta ihre Arme. »Das ist aber blöd. Sogar Jasmins Papa ist da. Der kommt sonst nie. Und der ist vor zwei Wochen fast gestorben!«
Jasmin.
Mila hielt inne. »Tatsächlich?«
»Fast gestorben? Was ist denn passiert?«, fragte Steffen, ehe Hanna ihn in die Seite stupste.
»Weiß ich nicht. Aber Jasmin hat erzählt, dass die Ärzte schon dachten, er wäre tot. Da vorne ist er, mit Jasmin bei den Keksen. Guck, er bleibt auch noch da.« Sie zeigte auf einen Mann, der ein paar Meter von ihnen entfernt stand und sich von einem Mädchen die verschiedenen Plätzchen erklären ließ. Er stand mit dem Rücken zu ihnen, und doch konnte Mila den Blick nicht von ihm abwenden.
»Lotta, bitte, mach jetzt keine Szene, okay?« Hanna schüttelte streng den Kopf, dann sah sie zu Mila. »Es kommt nicht infrage, dass du mit dem Taxi fährst. Wir bringen dich nach Hause.«
»Warte einen Moment, ja? Ich bin gleich zurück.« Ohne auf eine Antwort zu warten, entfernte Mila sich von ihnen. Langsam schob sie sich zwischen den plaudernden Menschen hindurch, den Blick auf den Mann gerichtet, den Lotta nur als Jasmins Vater bezeichnet hatte. Den Mann, der vor zwei Wochen fast gestorben war. Wie sie selbst.
Sie hörte seine Stimme und sie vermochte nicht zu sagen, ob es Aufregung, Fassungslosigkeit oder ein anderes Gefühl war, das der Klang seiner Worte in ihr auslöste. Sekundenlang stand sie hinter ihm, doch diesmal war es nicht fehlender Mut, der sie zögern ließ, ihn anzusprechen. Es war das überwältigende Wissen, etwas gefunden zu haben, das sie verloren glaubte. Voller Staunen lauschte seinem Lachen und jeder Silbe, die seine Lippen verließ. Dann trat sie näher an ihn heran und sagte seinen Namen. »Simon.«
Sie sah, wie er zusammenzuckte, wie er sie erkannte, noch bevor er sich zu ihr umdrehte. Dann schauten sie sich an, zum ersten Mal, obwohl sie sich schon längst begegnet waren. In einer Nacht, die keine gewesen war. An einem Ort, der nicht auf dieser Welt war, sondern irgendwo zwischen Leben und Tod. Als sie beide fast gestorben waren.
Sekunden vergingen, dann lächelte er. »Hallo, Mila. Mit einem L.«
Sie umarmten sich, weinten und lachten dabei und konnten es einfach nicht fassen. Denn was ihrer beide Ende hätte sein können, war erst ihr Anfang.


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