Ein Sommer voller Neuanfänge

Eigentlich hatte Merle ihr Leben perfekt im Griff: ein freier Job, die große Welt, immer bereit für das nächste Abenteuer.

Doch als sie zum Geburtstag ihres Vaters an die Nordseeküste zurückkehrt, ist plötzlich alles anders:
Ihr Bruder will das Familienhotel nicht übernehmen, die Eltern brechen zu einer Kreuzfahrt auf – und Merle steht unerwartet in der Verantwortung.

Zwischen Frühstücksbuffet, Feueralarmen und störrischen Stammgästen wächst ihr alles über den Kopf. Und als dann auch noch Jan wieder auftaucht – der stille Typ von früher, den sie längst vergessen hatte – stürzt auch noch ihr Herz ins Chaos.

Plötzlich stellt sich Merle die Frage:
Kann man das große Glück finden, wo man es am wenigsten sucht?

Eine sommerleichte Geschichte über Familienbande, unerwartetes Herzklopfen und den Mut, sich selbst neu zu erfinden – mitten im rauen Nordseewind.

Kapitel 1

Zurück in Westerheide

Schon lange bevor sie das Meer sah, wusste Merle, dass sie da war.

Sie kurbelte das Fenster ihres kleinen Mietwagens herunter, ließ den Wind durch ihr Haar wehen und sog die Luft ein. Der salzige Duft, der weite Himmel, der flache Horizont – all das war ihr vertrauter als vieles, das sie in den letzten Monaten gesehen hatte. Zuhause, dachte sie – und war selbst ein bisschen überrascht, dass sie diese Erkenntnis sentimental machte. Lag das daran, dass es schon so lange her war, seit sie das letzte Mal in Westerheide gewesen war?

Mit achtzehn, gleich nach dem Abi, hatte sie ihre Koffer gepackt und war dann fast durchgehend unterwegs gewesen. Eigentlich hatte sie nur für ein paar Monate weg sein wollen – einfach mal raus aus ihrer Heimat, wo alles flach und irgendwie öde war. Sie hatte ohnehin keine Ahnung gehabt, ob und was sie studieren oder beruflich machen sollte.

Also war sie allein nach Neuseeland geflogen mit einem Work & Travel Visum und jeder Menge Neugier

7 im Gepäck. Sie hatte spannende Menschen kennengelernt – und darüber in ihrem Blog „Merles wundersame Reise“ geschrieben. Es hatte Spaß gemacht und immer mehr Interessierte waren ihr bei ihren Abenteuern gefolgt.

Dann war eins zum anderen gekommen: Ein Werbekunde hatte sie gebeten, über recyclebare Wasserflaschen zu berichten. Das hatte sie so charmant gemacht, dass schnell weitere Angebote folgten, Werbedeals für Koffer und Lippenbalsam. Später kamen Hotels dazu, die ihr kostenlose Übernachtungen anboten, damit sie über ihre Erfahrungen schrieb. Merle hatte sich nicht lange bitten lassen – und so plötzlich wie ungeplant war daraus ein Beruf geworden: Reise-Influencerin.

Sie hatte in Indien meditiert, war in Brasilien durch den Amazonas gelaufen (jedenfalls ein kleines Stück), hatte in China seltsames Essen probiert und in Australien mit Koalas (und einem Surfer) gekuschelt. Letzteres hatte dazu geführt, dass sie zwei Jahre lang nicht mehr nach Deutschland geflogen war.

Davor war sie immer mal wieder zurückgekehrt – zu Geburtstagen oder an Weihnachten. Doch diesmal war es etwas Besonderes. Nicht nur, weil ihr Vater fünfundsechzig wurde. Sondern auch, weil an diesem Tag die offizielle Übergabe des Hotels an ihren Bruder Hendrik stattfinden sollte – ein Ereignis, auf das sich die ganze Familie seit Jahren vorbereitete. Und eines, bei dem sie einfach dabei sein musste.

Ein warmes Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht, als sie die vertraute Strecke entlangfuhr. Die Straße zog

8 sich zwischen Feldern hindurch, auf denen Schafe grasten und Möwen über die Deiche flogen. Vor ihr lagen ein paar alte Reetdächer, die wie fest verwurzelte Hügel zwischen den Büschen aufragten. Dann passierte sie das Ortsschild: Westerheide – staatlich anerkannter Erholungsort. Noch immer in derselben Farbe, noch immer mit dem kleinen Fischsymbol daneben.

Merle wurde langsamer. Sie wollte nichts verpassen.

Links tauchte die alte Bäckerei auf, bei der sie sich früher heimlich Süßigkeiten vom Taschengeld gekauft hatte. Der Name war geblieben, aber im Schaufenster standen jetzt auch vegane Franzbrötchen und Hafermilch-to-go-Schilder. Daneben das Fahrradgeschäft, das früher gebrauchte Hollandräder verkauft hatte – jetzt prangte in großen Lettern: E-Bikes, Reparatur & Verleih. Und wo früher die Post war, stand nun ein hell gestrichener Altbau mit blauen Fensterläden. Ein Café mit dem Namen Bohne & Brandung bot Zimtschnecken und „WLAN mit Meerblick“. Merle musste schmunzeln. „Sieht gar nicht so übel aus“, murmelte sie.

Und es stimmte. Der Ort, der ihr früher so eng, so klein, so langweilig vorgekommen war, wirkte heute überraschend charmant. Fast wie aus einem Magazin. Kein Wunder, dass die Touristen ihn immer „süß“ fanden. Vielleicht war er das wirklich – sie hatte es nur nie sehen wollen.

Ein warmes Gefühl durchströmte sie. Etwas zwischen Nostalgie und Neugier.

Dann war sie da. Das Hotel lag leicht erhöht am Rand des Ortes, mit Blick Richtung Deich. Thomsens

9 – Gäste mit Herz, verkündete das alte Holzschild, das ihr Vater vor Jahrzehnten selbst geschnitzt hatte. Die Buchstaben waren ein wenig ausgeblichen, aber noch immer gut lesbar. Die Fassade strahlte in frischem Weiß, die Fenster waren geputzt, und im Vorgarten blühten Stockrosen in kräftigem Rosa. Liebevoll gepflegt und genau so, wie ihre Eltern sich ein Hotel vorstellten: ordentlich, freundlich, zurückhaltend. Der Garten, die Fassade, das handgeschnitzte Schild – alles hatte diesen ganz eigenen Charme liebevoll, gepflegt. Und auch ein bisschen spießig. Merle war der Gedanke unangenehm, schließlich war sie in diesem Haus aufgewachsen. Vielleicht war sie einfach verwöhnt von ihren Reisen. Sie hatte in Baumhäusern im Schwarzwald geschlafen, in Designhotels in Kapstadt und in historischen Riads in Marrakesch – natürlich kam ihr das Thomsen jetzt ein bisschen altmodisch vor. Aber das bedeutete ja nicht, dass es schlecht war.

Merle parkte, stieg aus und blieb einen Moment lang einfach stehen. Die Möwen kreischten über ihr, irgendwo klapperte eine Fahnenleine im Wind. Der Kies knirschte unter ihren Sandalen. Es fühlte sich … richtig an.

Ein Mann trat hinaus – Ende zwanzig, blondes, lockiges Haar, Werkzeugtasche in der Hand. Auf seinem Shirt prangte ein kleines Firmenlogo mit Blitzsymbol, offenbar war er Elektriker. Als er sie sah, blieb er kurz stehen und sah sie überrascht an. „Hallo Merle“, sagte er mit einem freundlichen, fast zögerlichen Lächeln.

„Hi …“, erwiderte sie automatisch.

10 Dann blinzelte sie irritiert. Wer war das? Er kannte ihren Namen. Aber sie hatte keine Ahnung, wer er war.

Er hielt ihren Blick für einen Moment fest, dann nickte er und setzte seinen Weg fort. Er schien kein Gespräch zu erwarten.

Erleichtert und ein wenig verlegen ging auch Merle weiter.

Irgendetwas an der Begegnung blieb in ihr hängen. Wer war das bloß gewesen? Und seit wann gab es in Westerheide so attraktive Männer?

„Merle!“ Die Stimme ihrer Mutter riss sie aus ihren Gedanken. Im nächsten Moment kam Martha Thomsen die Stufen hinuntergeeilt – eine Schürze um die Hüften, das Haar wie immer hochgesteckt, die Arme weit ausgebreitet.

Merle lachte, ließ sich umarmen und wurde fast erdrückt. Ihre Mama roch nach Vanille, Seife und ein bisschen Zimt.

„Du bist da! Endlich!“ „Als würde ich deinen Apfelkuchen zum Geburtstag verpassen können.“ „Na, ganz schön spät dran. Ich dachte schon, du kommst doch nicht mehr.“ „Es gab Stau vor Husum. Und mein Navi wollte mich über eine Schafweide schicken.“ Martha musterte sie von Kopf bis Fuß. „So wie du aussiehst, hättest du da auch reingepasst. Interessante Hose.“ Merle lachte. Sie wusste, dass ihre Mutter mit ihren bunten Klamotten nicht viel anfangen konnte. Und hier an der Nordsee fühlte sich die weite, flatternde Baumwollhose mit Batikmuster tatsächlich anders

11 an als auf Ibiza, wo sie auf dem Rückweg noch einen kleinen Zwischenstopp eingelegt hatte.

„Sie ist vor allem gemütlich. Ich hab sie eingetauscht gegen ein paar echt unbequeme Schuhe.“ „Kind.“ Martha schüttelte den Kopf, aber ihre Augen glänzten liebevoll. „Komm rein. Dein Vater kann es kaum erwarten, dich zu sehen.“ „Ich auch nicht.“ „Und Hendrik erst!“ Bei seinem Namen wurde Merles Lächeln noch eine Spur wärmer.

„Ich freue mich auch“, sagte sie leise. „Richtig doll.“ Sie liebte ihren großen Bruder. Er war bodenständig, heimatverbunden, zuverlässig wie ein Uhrwerk. Und damit so ganz anders als sie selbst. Trotzdem war er der einzige Mensch, bei dem sie nie das Gefühl hatte, sich erklären zu müssen. Der sie immer verstanden hatte, auch wenn sie selbst nicht wusste, was sie gerade wollte. Sie konnte es kaum erwarten, ihn zu sehen.

Merle folgte ihrer Mutter durch die Eingangstür. Der Empfangstresen war neu lackiert, aber noch derselbe. Und hinter ihm stand – natürlich – ihr Papa. „Schau, wer hier ist“, sagte ihre Mutter. Egon Thomsen sah auf – und strahlte.

„Na, das ist ja wohl das schönste Geburtstagsgeschenk!“ Er schloss Merle in die Arme, fest und herzlich. „Du bist ja richtig erwachsen geworden. Und dünner. Du brauchst was Richtiges zu essen.“ Merle verdrehte gespielt genervt die Augen. „Ich dachte, solche Sprüche kommen nur von Leuten, die mindestens siebzig sind.“ „Nein, das geht auch früher – hat bis jetzt nur niemand gemerkt.“ Sie grinste. „Schön, dich zu sehen, Papa.“

12 Ihre Mutter seufzte. „Hendrik hat noch gar nicht mitbekommen, dass du da bist. Er ist nicht ganz bei sich heute.“ „Ist er nervös wegen der Übergabe?“ „Vielleicht. Ist ja auch kein kleiner Schritt.“ Sie nickte. Und auch wenn sie sich selbst nie für das Hotel verantwortlich gefühlt hatte – sie wusste, wie viel es Hendrik bedeutete. Und wie glücklich ihre Eltern darüber waren.

„Wie lange bleibst du, Liebes?“ „Bis Dienstag.“ Für einen kurzen Moment drückte Merle das Gewissen. Dienstag, das waren nur ein paar Tage … ihre Eltern hatten sicher gehofft, sie länger um sich zu haben. Aber Westerheide war nicht gerade der Ort, an dem Merle ihre Zeit verbringen wollte.

„Ach, das passt ja gut. Wir fliegen ja auch am Dienstagmorgen.“ Erst jetzt fiel Merle wieder ein, dass ihre Eltern eine Kreuzfahrt unternehmen wollten. Zum ersten Mal in ihrem Leben fuhren die beiden in einen richtigen Urlaub. Der Beginn ihres Rentnerdaseins war endlich ein Grund gewesen, sich das zu gönnen.

Erleichtert lächelte Merle. „Ich kann euch zum Flughafen mitnehmen, wenn ihr möchtet.“ „Das wäre perfekt!“ Ihre Mutter zögerte. „Solange wir pünktlich sind. Wir müssen früh genug losfahren.“ Egon grinste. „Deine Mutter ist aufgeregt wie ein Teenager vor dem ersten Schulausflug.“ „Es ist schließlich unser erster Urlaub.“ „Und du?“, fragte Merle. „Hast du kein Reisefieber?“ „Ich? Ich hab meine neue Schnorchelmaske seit Wochen neben dem Bett liegen.“

13 Merle lachte, und ihre Mutter legte liebevoll den Arm um sie.„Schön, dass du jetzt bei uns bist, Kind. Du hast uns gefehlt.“ „Ich hab euch auch vermisst.“ Vielleicht sogar mehr, als sie sich eingestanden hatte.