Kapitel 1
EIN GANZ NORMALER MORGEN
JEREMY
Das leise Knistern des Radios vermischte sich mit dem gleichmäßigen Summen des Rasierers, während Jeremy sich routiniert die Bartstoppeln entfernte. Aus dem Lautsprecher drang die Stimme eines überdrehten Moderators, der versuchte, die bevorstehende Hitze wie ein mitreißendes Ereignis zu verkaufen – als sei sengende Sonne ein Grund zur Freude.
»Die Wetterbehörde hat für den Großraum Vancouver eine Hitzewarnung ausgegeben. Ich sage: Perfektes Wetter für Freibad und Eiscreme. Ich gönne mir Vanille. Und Schokolade auch, wenn ich es mir recht überlege.«
Jeremy legte den Rasierer beiseite, fuhr sich mit den Fingern über das glatte Kinn und prüfte, ob er irgendwo eine Stelle übersehen hatte. Dann strich er sich durchs Haar, musterte sich flüchtig im Spiegel. Er blinzelte zweimal, zog die Augenbrauen hoch. Mehr Wachheit würde heute nicht kommen. Zufrieden verließ er das Bad.
Im Schlafzimmer ließ er das Handtuch zu Boden gleiten, schlüpfte in eine Boxershorts und streifte sich ein T-Shirt über. Dieselbe Routine wie jeden Morgen.
Eine seiner beiden Arbeitshosen hing griffbereit über dem Stuhl. Er schnappte sie sich und zog sie an, ohne groß darüber nachzudenken. Alice hatte die Hose gebügelt. Natürlich. Sie bestand darauf, dass er in der Werkstatt ordentlich aussah und einen gepflegten Eindruck auf seinen Chef und die Kunden machte. Obwohl der Ölfleck im Stoff, der direkt über dem Oberschenkel prangte, vermutlich nie wieder verblassen würde. Aber das gehörte bei der Arbeit mit Autos eben dazu.
Nachdem er auch Socken angezogen hatte, ging er Richtung Küche. Der Duft von frisch gebrühtem Kaffee und Toast mit Butter zog bereits durch den Flur.
Alice stand barfuß am Herd. Ihr ärmelloses Kleid reichte ihr bis zu den Knien. In einer Hand hielt sie eine Pfanne, in der sie ein Omelett briet, mit der anderen wischte sie sich eine schwarze Strähne aus dem Gesicht. Sie bewegte sich mit der geübten Leichtigkeit einer Frau, die genau wusste, was sie tat.
Er trat hinter sie, legte die Arme um ihren Körper, zog sie sacht an sich. Mit der Nasenspitze strich er über die kleine Vertiefung in ihrem Nacken, eine seiner Lieblingsstellen an ihr.
»Morgen«, murmelte er gegen ihren Hals.
Alice lächelte. »Mmmh. Ich wollte dich gerade wecken.« Sie hatte eine dieser Stimmen, die schon am Morgen weich klangen, als wäre sie über Nacht in Honig getaucht gewesen.
Er küsste ihre nackte Schulter, ließ seinen Mund für einen Moment auf ihrer Haut verweilen. Sie roch nach Sommer. Nach Vertrautheit. Er konnte nicht anders, als zu lächeln. Manchmal fragte er sich, womit er sie verdient hatte.
»Hey, das kitzelt«, kicherte sie, drehte sich zu ihm um und küsste ihn kurz. Für einen Moment sah er in ihr wieder die junge Alice, die ihm auf der High School den Kopf verdreht hatte, vor über zehn Jahren. Er hatte sich sofort in ihre lachenden Augen verliebt. Und in den weichen Zug um ihren Mund, der ihn jedes Mal aufs Neue fesselte. Er stand noch immer auf sie.
»Du bist sexy, weißt du das?«
»So?« Sie lachte leise. »Trink deinen Kaffee und lass mich das Toast fertig machen.« Sie deutete mit dem Kopf auf den Tisch. An seinem Platz am Küchentisch stand bereits eine dampfende Tasse.
»Na schön.« Er seufzte und setzte sich, nahm einen Schluck und ließ die Wärme durch seinen Hals gleiten. Alice wusste genau, wie er ihn mochte. Nicht zu stark, mit einem Stück Zucker. Er las die Titelseite der Zeitung, die Schlagzeile verkündete hohe Temperaturen für die nächsten Tage und Jeremy dachte daran, dass vermutlich einige Kunden mit defekten Klimaanlagen in die Werkstatt kommen würden.
»Verdammtes Ding«, fluchte Alice plötzlich leise und er schaute zu ihr. Sie rüttelte am Wasserhahn, der mal wieder tropfte. »Ich glaube, der hält nicht mehr lange durch.«
Jeremy stellte die Tasse ab. Dieses Haus gab ihnen ständig neue Aufgaben. Aber das war okay, denn es war ihr Haus, ihr Zuhause, das sie sich von ihrem eigenen Geld gekauft hatten. Für Fremde war es sicher nur ein einfaches Gebäude aus den Fünfzigern, klein und ohne Extravaganzen. Die Jahre hatten ihre Spuren hinterlassen. Die weiße Holzverkleidung hatte an einigen Stellen Risse, die Farbe des Küchenregals blätterte ab. Manche Dielen im Flur quietschten, und der Zaun im Hinterhof war ein wenig schief. Sie hatten es gekauft, als Joel noch ein Baby war und seitdem viel Geld und noch mehr Liebe hineingesteckt. Und Mühe. Nun also für den Wasserhahn.
»Ich kümmere mich am Wochenende drum.«
»Danke.« Sie lächelte und wendete das Omelett in der Pfanne. »Wir könnten heute ins Freibad gehen.«
»Ich glaube nicht, dass Joel das will.«
Alice sah ihn über die Schulter an. »Nicht?«
»Er möchte Baseball üben. Er will an seiner Fangtechnik arbeiten.«
»Er ist fünf, Jeremy.«
Er zuckte mit den Schultern. »Und in seinem Kopf schon ein großer Junge.«
Alice schnaubte leise, verdrehte spielerisch die Augen. »Klar. Der nächste Jackie Robinson.«
»Vielleicht.«
Alice lächelte, platzierte das Essen auf einem kleinen Teller und stellte ihn auf Joels Platz. »Aber es wird so heiß heute. Wer will da schon Baseball üben?«
»Unser Sohn. Ich habe ihm gestern versprochen, dass wir zusammen trainieren. Er ist ganz scharf drauf.«
»Na dann.« Alice widmete sich Joels Pausenbrot. Zwei Scheiben Toast, eine dünne Schicht Erdnussbutter, genau die Menge Marmelade. Sie summte die Melodie des Lieds aus dem Radio mit und klappte die Brothälften zusammen.
Jeremy zog die Zeitung heran, blätterte die ersten Seiten durch und überflog die Schlagzeilen des Lokalteils. Der Stadtrat diskutierte über einen Zebrastreifen vor der Kirche. Wenn es sonst keine Themen gab ….
»Ich wecke ihn«, sagte Alice und wischte sich die Hände an einem Geschirrtuch ab.
Jeremy nickte, nahm noch einen Schluck Kaffee und sah ihr nach.
Er sollte aufstehen, die Tasse in die Spüle stellen, seine Tasche packen. Er musste zur Arbeit, die Werkstatt öffnete um acht Uhr und sein Chef erwartete, dass alle spätestens eine halbe Stunde vorher anwesend waren.
Nur einen Moment noch.
Er blieb sitzen, ließ sich in die Wärme des Morgens sinken. Die Sonne schien ihm durch das Fenster ins Gesicht. Mit geschlossenen Augen saß er da und hörte nur gedämpft, wie Alice am Ende des Flurs die Tür zu Joels Zimmer öffnete und es mit einem leise gemurmelten »Hallo, Mäuschen, Zeit zum Aufstehen« betrat. Wie jeden Morgen.
Vielleicht war es doch die bessere Idee, heute schwimmen zu gehen.
»Joel?«
Er könnte seinem Sohn zeigen, wie man eine Arschbombe vom Beckenrand macht. Oder mit ihm rutschen. Traute er sich das schon?
»Joel?« Alice rief den Flur hinunter.
Er hörte ein Knarzen, sie öffnete die Tür zum Bad. »Joel, wo steckst du?« Etwas fester jetzt.
Schritte.
Und dann: »Jeremy?« Nicht laut. Nicht panisch. Aber er kannte sie gut genug, um den alarmierten Ton in der Melodie ihrer Stimme sofort herauszuhören.
Jeremy öffnete die Augen. »Alles okay?« »Joel. Ich finde ihn nicht.« Er stand auf und stieß dabei an den Tisch, der Kaffee schwappte bedrohlich in der Tasse.
Zwei Schritte durch die Küche. Noch fünf, vier, drei in den Flur.
Alice stand an der Tür zu Joels Kinderzimmer. »Wo ist er?«, fragte sie und er ging an ihr vorbei in den Raum hinein.
»Joel?« Das Bett war leer.
Der Anblick fühlte sich falsch an. Jeremy spürte, wie sein Herz schneller schlug.
»Vielleicht schläft er auf der Couch?«, fiel ihm ein und verdrängte den Gedanken daran, dass Küche und Wohnzimmer ineinander übergingen und sie Joel dort schon vorher bemerkt hätten.
Nicht rennen. Es gab keinen Grund dafür. Oder?
Jeremy betrat den Raum, sah auf das Sofa. Leer. Die Kissen lagen ordentlich, genauso, wie Alice sie am Abend zuvor drapiert hatte.
Er öffnete den kleinen Schrank daneben. Manchmal kauerte Joel sich dort hinein, wenn sie Verstecken spielten. Das tat er immer gern.
Nichts.
Hinter ihm hörte er Alices Stimme, fordernd jetzt: »Joel, wenn das ein Spiel ist, komm sofort raus.« Jeremy wandte sich um, lief in das elterliche Schlafzimmer. Der Kleiderschrank? Er zog die Türen auf, aber da waren nur seine eigenen Sachen. Er beugte sich hinab, schaute unter das Bett. Leere Dunkelheit.
Sein Atem wurde schneller.
Er trat in den Flur zurück, stieß fast mit Alice zusammen. »Im Keller?«
Er eilte zur Tür, riss sie auf. Kühle, dunkle Luft schlug ihm entgegen. Ein anderer Geruch, schwerer als in den oberen Räumen.
Sein Blick glitt die Treppe hinab. Die Holzstufen waren alt und schmal, ausgetreten von Jahrzehnten voller Schritte. Eine nackte Glühbirne baumelte über der Mitte der Stufen, und er schaltete sie ein.
»Joel? Bist du hier?« Er hat doch Angst vor diesem Raum. Und du weißt das, dachte er.
Trotzdem setzte er den ersten Fuß auf die oberste Stufe, das Holz knackte leise unter seinem Gewicht. Er lauschte. Keine Bewegung. Er lief weiter treppab, bis ganz unten. Seine Füße spürten den kalten Betonboden.
»Joel?« Die Stimme war gedämpft hier unten, als würden die Wände sie verschlucken.
Sein Blick wanderte an den niedrigen Regalen entlang, die sich bis zur Decke drängten. Ein alter Werkzeugkasten, Kartons mit Erinnerungen, ein Stapel Wintermäntel.
»Komm raus, Kumpel.«
Er starrte ins Halbdunkel, wartete auf eine Reaktion. Eine kleine Bewegung. Ein Schatten.
Aber da war nichts.
Er schaute hoch zu Alice, die an der Tür wartete. »Hier ist er nicht.«
Sie schluckte, wandte sich ab. »Joel, bitte komm jetzt raus, Mäuschen!«
Er eilte die Treppe wieder nach oben. Er musste denken. Sich einen Moment konzentrieren. Er sah den Flur entlang, als könnte er eine Antwort darin finden.
Das Kinderzimmer. Noch einmal.
Alice folgte ihm, kniete sich auf den Boden, um unter Joels Bett zu schauen, als würde das Kind dort drunter passen.
Jeremy trat ans Fenster – und blieb abrupt stehen.
Es stand offen.
Die Gardine hob sich leicht, ein träger Hauch, der sich eher wie ein Ausatmen anfühlte als wie echter Wind. Für einen Moment wirkte es, als streckte sich eine unsichtbare Hand ins Zimmer.
Natürlich war es offen, dachte er. Es war heiß gewesen letzte Nacht, und im Kinderzimmer gab es keine Klimaanlage. Sie ließen es immer geöffnet.
Trotzdem war da dieses Ziehen in seinem Magen.
Jeremy trat heran, beugte sich hinaus. Die Straße war ruhig, ihr Garten leer. Sein Blick huschte über die Häuser, suchte, ohne wirklich zu sehen. Keine Bewegung war zu erkennen. Keine kleine Gestalt, die aus irgendeiner Einfahrt gelaufen kam. Kein Joel, der schon heimlich Baseball spielte.
Er überflog die Veranden, die gepflegten Rasenflächen, den Bürgersteig. Der Pick-up von Mr. Dawson stand schief in der Einfahrt.
»Joel?«
Seine eigene Stimme klang zu laut in der Stille.
Etwas flatterte auf. Ein Rotkehlchen, das aus dem Garten seines Freundes David nebenan aufschreckte und davonflog.
Aber Joel gab keine Antwort.
Jeremy wusste es in diesem Moment, spürte es in den Knochen, in seinem Blut.
Alice trat neben ihn, sog scharf die Luft ein.
Sie sahen sich an. Und wussten beide: Es war etwas passiert.